Saudade

„Du spielst jeden Tag mit dem Licht des Universums.”

Pablo Neruda

Wo soll man anfangen…

Vielleicht mit den kalten Januartagen in den Neunzigern, als wir uns fluchend zu nachtschlafender Zeit am frühen Sonntagmorgen aus dem Bett gequält haben, um zu diesen alljährlichen Luxemburg-Liebknecht Demos zu gehen. Nicht, dass Luxemburg es nicht wert gewesen wäre, sich selbst in den Arsch zu treten, aber die Demos wurden von den gleichen unsäglichen K-Gruppen dominiert, die auch heutzutage unter anderem Label aber mit den immer noch gleichen hohlen Parolen aufmarschieren und mit denen man sowohl damals wie auch heute nichts, aber auch gar nichts teilt. Aber wir sind damals trotzdem mit vielen Genoss*innen aus der autonomen Bewegung aus einem einzigen Grund auf der Frankfurter Allee aufgetaucht: Weil es so sicher wie das Amen in der Kirche war, dass die Bullen mit diversen Hundertschaften den Block ‘der Kurden’ massiv angreifen würden. Also galt es Haltung und Solidarität zu zeigen, trotz aller Kritikpunkten an der PKK, die im Kern die gleichen geblieben sind, auch wenn heutzutage die PKK in anderen Gewändern auftritt, wie auch die K-Sekten heutzutage andere Namen tragen.

Die gleichen Kritikpunkte, an denen sich über all die Jahrzehnte nichts geändert hat, auch wenn etliche postautonome Schreiberlinge uns etwas anderes glauben machen wollten und schwelgerisch die ‘Neuausrichtung’ der PKK und ihrer diversen Ableger zum ‘demokratischen Konföderalismus’ als geradezu graswurzel-anarchistisch verkauften. Aber es bleibt bei der zutreffenden Kritik an dem unsäglichen Führerkult, der hierarchischen Kaderstruktur, den Selbstmordattentaten, dem Umgang mit Kritikern in den eigenen Reihen bis hin zur (massenhaften) Liquidierung… Spätestens die vom großen Vorsitzenden verordnete Selbstauflösung des ‘türkischen Flügels’ der PKK brachte zutage, dass sich an dem Führerprinzip nicht geändert hat, auch wenn sich sofort diverse westeuropäische Apologeten fanden, die zugleich begeisterte Schriften zur ‘neuen Linie’ unter die Leute brachten. Es hat sich halt nichts geändert in den Metropolen: Unfähig eine eigene revolutionäre Perspektive zu entwerfen, müssen die Befreiungsbewegungen weit weg als Projektionsfläche der eigenen unerfüllten neurotischen Sehnsüchten herhalten, bei jedem Kurswechsel verliert man halt Sympathisanten, und am Ende werden einfach die Pferde gewechselt und im Zweifel eine neue imaginäre revolutionäre Projektionsfläche gesucht, in der allgemeinen Verzweiflung stört dann nicht einmal mehr, dass ein Großteil der Protagonisten Islamisten sind. 

“Da die Befreiungsorganisationen das um seine Unabhängigkeit kämpfende Volk repräsentierten, waren sie der direkte Adressat internationaler Solidarität. Dass die Machtübernahme den sozialen Gehalt der Revolution in fast allen Fällen eher zerstörte als entfaltete, daß sich die Führer der Befreiungsbewegungen, kaum hatten sie die Kommandoposten in den jungen Nationalstaaten besetzt, als Protagonisten brutaler Entwicklungsdiktaturen gebährdeten, daß von der frisch gewonnenen Unabhängigkeit vor allem die alten Kader profitierten, während das anhaltende Massenelend einer neuen Erklärung bedurfte, daß sich – kurz gesprochen – die ganze Dialektik von nationaler und sozialer Befreiung vor allem für die neuen Machthaber rechnete und daß dies keine Frage von Verrat oder korrupter Moral war, sondern dem Wesen der Staatsgründung entsprach – all das passte nicht in unser Bild eines homogenen Bewertungsprozesses und wurde deshalb ausgeblendet. Erst in dem Maße, wie nach vollzogener Nationwerdung neue Kämpfe ausbrachen, wie sich vielfältigste Formen sozialer Gegenmacht artikulierten, deren antagonistischer Kontrahent der Komplex von Gewalt und Verwertung war, den jener Staat verkörperte, waren wir imstande, den Mythos nationaler Unabhängigkeit und den ihm immanenten, alle Differenzen homogenisierenden Volksbegriff zu relativieren. Wir mußten zur Kenntnis nehmen, daß das Spektrum sozialer Bedürfnisse und Interessen nicht in den Befreiungsorganisationen aufging und daß die Dimension des Geschlechter- und des Klassenkampfs selbst im Prozeß antiimperialistischer Befreiung keinen Moment lang ihre Bedeutung verloren hatte.

Wir durften uns mit den völkisch- ethnischen Parolen nicht zufrieden geben, auf denen das unartikulierte Miteinander von KämpferInnen und Kommandanten basierte, waren es doch gerade jene, die als Kader unter den Bedingungen des Krieges die Instanzen und Formen zukünftiger Ausbeutung und Zurichtung schufen.”

Revolutionäre Zellen – Gerd Albartus ist tot (1) 

Aber immer noch heisst die Frage, wo soll man anfangen…

Wenn wir über die derzeitige desperate Situation ‘der Kurden’ in Nordsyrien sprechen, die von den mittlerweile in Syrien herrschenden islamistischen Kräften belagert werden, lohnt es sich, einen weiteren Blick zurück zu werfen. Und nein, es geht an dieser Stelle nicht um Moral, auch wenn die Moral nie außen vor bleiben sollte in all den gelehrigen revolutionären Abhandlungen, sondern um die Unwägbarkeiten, die sich aus strategischen Entscheidungen ergeben.

Als 2011 der Aufstand gegen das Assad Regime losbrach, und noch lange bevor die Islamisten ins Spiel kamen, entschied sich die PYD, der syrische Ableger der PKK, zu einem Burgfrieden mit dem Assad Regime. In den kurdischen Vierteln von Aleppo, aber auch in den kurdischen Gebieten im Norden Syriens hatten sich vor allem Jugendliche begeistert dem Aufstand angeschlossen, gingen auf die Straße, um sofort den Alleinvertretungsanspruch der PYD zu spüren zu bekommen. Hunderte wurden von den bewaffneten Kräften der PYD festgenommen, Dutzende getötet. Eine kleine Minderheit der Kurden nahm trotzdem weiter an der Aufstandsbewegung teil, auch innerhalb der ‘Freien Syrischen Armee’, die sich anfänglich vor allem aus Deserteuren aus der syrischen Armee generierte, gab es es kurdische Einheiten, die allerdings keine bedeutende Rolle innehatten und mit der “Übernahme” der FSA durch islamistische Kräfte praktisch von der Bildfläche verschwanden. Trotzdem ist es wichtig, an diese Anfangsphase zu erinnern, weil diese in der geschichtlichen Situation mündete, über die wir heute sprechen. Aus meiner Sicht war in der Anfangsphase des Aufstandes gegen Assad eine Entwicklung jenseits der Dichotomie Assad-Barbarei oder islamistische Barbarei möglich. Der separatistische Weg der PKK/PYD mit ihrem Alleinvertretungsanspruch hat aber die Weichen in dieser historischen Zuspitzung, in der fast der gesamte Nahe Osten in Flammen stand und sich die Aufstände bis in weite Teile Afrikas ausbreiteten, anders gestellt. 

Trotz allem

“Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.”

Karl Marx 

Jenseits aller berechtigten Kritik an der PKK und ihren syrischen Ablegern, die in den wenigen Zeilen, die eine solche Abhandlung mit sich bringt, zwangsweise fragmentarisch bleiben muss, bedarf es jetzt, in der Zuspitzung der Situation in Nordsyrien, einer Solidarität, die an den Haltungen anknüpft, die ich anekdotisch am Anfang dieses Textes beschrieben habe.

Wenn unsere Feinde, und die Islamisten sind immer unsere Feinde, ob in Syrien, in Gaza oder im Iran, Jene angreifen, die im weltweiten Ringen um eine andere Gesellschaftsordnung sich konkret gegen die Boten des Todeskultes stellen, wie sie es in der Schlacht gegen ISIS um Kobane getan haben, gehört unsere Solidarität eben Jenen. Weil eben Jene getan haben, was sie getan haben, als der Völkermord an den Jesiden begann, während Barsanis Peschmerga (auf Befehl von oben) ihre Positionen kampflos aufgaben und so erst ISIS den weiteren Vormarsch in jesidische Siedlungsgebiete ermöglichte. (Barsani stieß erst dann zur ‘Internationalen Anti-ISIS-Koalition’, als er massenhaft westliche Waffen und Ausbildungshilfe erhielt.) Mehrere tausend Menschen, die in den Reihen der SDF/YPG kämpften, verloren im Kampf gegen ISIS ihr Leben. Nicht umsonst wurde die Schlacht um Kobane häufig in einem Atemzug mit der Schlacht um Madrid genannt. Sie hatte vielleicht nicht die strategische Bedeutung wie der Kampf gegen die Franquisten im Vorfeld des zweiten Weltkrieges, aber auch dieser heroische Kampf – und ja, an dieser Stelle darf dieses Wort jenseits der üblichen Phrasen mit voller Berechtigung Verwendung finden – fand Widerhall fast überall in der Welt, weit über das hinaus, was als das üblichen Sympathisantenfeld gelten darf. Und so entschlossen sich auch Viele aus ganz unterschiedlichen geschichtlichen Verortungen, von Anarch*isten aus den europäischen “Waldkämpfen” bis hin zu Veteranen aus der US-Army nach Nordsyrien zu kommen, um an der Seite von SDF/YPG gegen die islamistischen Schlächter zu kämpfen. Und ja, der Kampf gegen ISIS umfasste auch jenes strategische Bündnis mit dem US Militär, ohne dass dieser Kampf um Kobane verloren gewesen wäre. Und natürlich opfert eben jenes US Militär seinen langjährigen kurdischen Verbündeten in dem Moment, wo die neuen islamistischen Herrscher in Syrien sich als Garantiemacht gegen ISIS andienen.

Geschichte ist ein hochkomplexer Prozess, und nur wer sich der Verantwortung entzieht, ‘Geschichte zu schreiben’, eine bequeme Haltung, die große Teile der metropolitanen Linken aber leider auch große Teile der anarchistischen Galaxie, eingenommen haben, kann es sich erlauben, moralisch überlegen auf seine Gewissheiten zu hocken oder ausschließlich seinen projektiven Träumen nachzuhängen. Dieser Tage ist auffällig, wie gering die Beteiligung in den Metropolen an den Solidaritätsadressen mit den Kurden in Nordsyrien ausfällt. Auf den Demonstrationen sieht man fast ausschließlich die kurdische Diaspora, während z.B. in Berlin regelmäßig identitäre Umzüge, deren Botschaften sich häufig Außenstehenden selbst auf den zweiten Blick nicht erschließen, locker 5000-10.000 Menschen auf die Straße locken. Auch an dieser Stelle hilft Moral nicht weiter, man muss einfach endgültig begreifen, dass ‘internationale Solidarität’ in den Metropolen schon länger vorwiegend eine Warenform angenommen hat und nicht mehr ein Verhältnis zwischen verschiedenen kämpfenden Fraktionen beschreibt. Vor ein paar Jahren war ‚Rojava‘ noch en vogue, in Berlin war es möglich, bis zu 10.000 Menschen zu mobilisieren, die zu über 90% nicht der kurdischen Diaspora angehörten. Aber so ist es mit neurotischen Projektionen, die Objekte der Begierde sind beliebig austauschbar, weil sie nur das eigene Verlangen stillen sollen. 

Und an dieser Stelle rächt sich auch die Geschichtsvergessenheit der linken und anarchischen Galaxie in den Metropolen. Zurecht kam Ende der 80er, Anfang der 90er eine grundsätzliche kritische Infragestellung der “Solidarität mit den Befreiungsbewegungen” auf. Allein im Selbstauflösungprozeß der Revolutionären Zellen, die von Mitte der 70er bis Anfang der 90er Dutzende von militanten Interventionen in diesem Kontext durchführten, sind mehr als ein Dutzend seitenlange kluge Abhandlungen veröffentlicht worden, die den wenigsten derjenigen, die heute aktiv sind, ein Begriff sein dürften. So wiederholt jede neue Generation von Militanten und Aktivist*innen geradezu zwanghaft die gleichen Irrtümer und Projektionen. Ein Prozeß, der immer in immer hohleren Phrasendreschereien und ideologischen Schlenkerbewegungen enden wird und in der grundsätzlichen Resignation, weil sich aus den Kämpfen, die so bestimmt werden, kein Stoff generieren lässt, aus dem hierzulande ein revolutionärer Suchprozess überhaupt denkbar wird. 

Die Aufgabe in den weltweiten aufständischen Suchbewegungen ist aber ein dialektischer Prozess. Sich sowohl grundsätzlich den geschichtlich überholten Kämpfen verweigern, als auch auf dem Terrain präsent sein, das sich aus diesen Kämpfen ergibt. 

“Jede reale Bewegung entsteht immer und ausschließlich in der Praxis, das gilt ebenso für identitäre, subkulturelle Ausprägungen, als auch besonders für die revolutionäre Bewegung, die sich erst in dem Gefolge des weltweiten Umbruchs von 1989, der bis heute nachhallt und dessen Bedeutung in den derzeitigen Überlegungen und Untersuchungen häufig vernachlässigt wird, finden und neu zusammensetzen muss, um dann Ausdrucksformen zu finden, die sie in die Lage versetzt, den revolutionären Horizont wieder aufzureissen.”

Last Action Hero (2) 

Die kämpfenden Kurd*innen in Nordsyrien verdienen unsere tiefste Solidarität. Keine Solidarität der Bedingungslosigkeit, die problematische Machtstrukturen und fehlende materialistische Analyse ausblendet. Keine Solidarität, die nur dem Zeitgeist geschuldet ist oder nur dem eigenen moralischen Selbstwertgefühl. Keine Solidarität, die den reinen Glauben predigt und ‚Abweichungen‘ mit Zuwendungsentzung sanktioniert, oder ‘ghostet’, wie die jungen Leute sagen. Keine Solidarität, die eine Einbahnstraße ist oder sich den Machtinteressen von Parteiapparaten unterordnet. Keine Solidarität der Geschichtslosigkeit, die nicht aus den Fehlern der Vergangenheit Lehren zieht. Die kämpfenden Kurd*innen verdienen unsere tiefste Solidarität, die sich aus unseren Herzen speist, aus dem Wissen, dass wir einander erkennen in der Gewissheit, dass wir auf der selben Seite der Front stehen in dem Kampf gegen die Todesboten der Vernichtung. Diese Front ist für die Kurd*innen in Nordsyrien zur Zeit der Kampf gegen die Islamisten. Sie sollten uns an ihrer Seite wissen.

Berlin, den 26. Januar 2026

Sebastian Lotzer

Fußnoten

  1.  Gerd Albartus ist tot, RZ http://freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn04.htm
  2. Last Action Hero, Sebastian Lotzer https://non-milleplateaux.de/last-action-hero/