
“Das Ausfechten von Gegensätzen, Widersprüchen war es gewesen, was zum Gemeinsamen zwischen uns geführt hatte. Ablehnung, Schwierigkeiten hat es gegeben, und immer wieder das Bestreben, mit These und Antithese einen für beide gültigen Zustand zu erreichen. So wie Divergenzen, Konflikte neue Vorstellung entstehen lassen, entstand jede Handlung aus dem Zusammenprall von Antagonismen. Einzig die Artikulation dieser Vorgänge macht das Zusammenleben, die gegenseitige Würdigung möglich.”
Peter Weiss – Die Ästhetik des Widerstandes
Einer der Flüche dieser Epoche ist, dass es nicht mehr den in der Realität verwurzelten erbitterten Streit der ‘Schulen’ gibt, einen Streit, der zwar eigentlich schon seit Camus’ ‚Sisyphos‘ obsolet geworden war: “Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem; den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist 9 oder 12 Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort zu geben …für das Herz sind das unmittelbare Gewissheiten, man muss sie aber gründlich untersuchen, um sie dem Geiste deutlich zu machen.”
Aber dieser obsolete Streit führte wenigstens zu einem allgemeinen Diskurs, in dem zwar es leider selten zu einem Zustand kam, aus dem sich gemeinsames Handeln generierte, wie es Peter Weiss sich in seinem weitgehend in Vergessenheit geratenen Jahrhundert-Roman vorstellte, aber immerhin gab es diesen diskursiven Raum, in dem Worte und Argumente überhaupt Gewicht besaßen. All diese Positionskämpfe, um die Fragen von Kommunismus und Anarchismus, um Disziplin, Unterordnung und Autonomie, um die formale und historische Partei, um Avantgarde und Basisdemokratie, all diese scheinbare Last, war doch auch zugleich der Raum, in dem überhaupt noch miteinander gerungen wurde.
Nun aber leben wir in der trostlosen Welt der Echokammern, die erstickende Enge der identitären Blasen wird nicht mehr als Begrenzung erlebt, die einem den intellektuellen Atem rauben, sondern als Ort der Sicherheit und Zugehörigkeit in einer Welt, die kalt und feindlich erscheint. Die ständige Sucht nach Bestätigung, die regressive Akklamation, – der von wirklich der überwiegenden Mehrheit allen Linken und ‘Anarchisten’ abgenickte Corona-Ausnahmezustand, die eingeschriebene Vereinzelung und Atomisierung, der Terror gegen alle, die sich dem widersetzen, von den Bewohnern der proletarischen Viertel von Napoli, die sich einfach weiter auf den Dächern ihrer Häuser zusammenfanden bis zu den Jugendlichen der Banlieue, die ihre Versammlungen in den Eingangsbereichen ihrer Hochhäuser so lange militant verteidigten, bis die Bullen aufgaben – alles bespielt in der perfekten Simulation der ‘sozialen Netzwerke’. Follow me, follow you.








