Die Odyssee [Part ll] – Mythen und Befreiung

“Die apokalyptische Idealisierung ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es ist die lineare Welt, die von innen her untergeht. Apokalyptische Logik existiert in einer geistigen, mentalen und emotionalen toten Zone, die sich selbst kannibalisiert. Es sind die Toten, die auferstanden sind, um alles Leben zu verschlingen.

Unsere Welt lebt, wenn ihre Welt aufhört zu existieren.

Als indigene Anti-Futuristen sind wir die Konsequenz aus der Geschichte der Zukunft der Kolonisatoren. Wir sind die Konsequenz aus ihrem Krieg gegen Mutter Erde. Wir werden nicht zulassen, dass das Gespenst der Kolonisatoren, die Geister der Vergangenheit, in den Ruinen dieser Welt spuken. Wir sind die Verwirklichung unserer Prophezeiungen.

Dies ist die Wiedererstehung der Welt der Zyklen.

Dies ist unsere Zeremonie.

Zwischen den stillen Himmeln. Die Welt atmet wieder und das Fieber lässt nach.

Das Land ist still. Es wartet darauf, dass wir zuhören.”

Die Apokalypse neu denken – Ein indigenes anti-futuristisches Manifest [1] 

Ja, das ist eine Möglichkeit, die Welt zu sehen, zu begreifen, sie wirklich wahrzunehmen. Sie ist vielleicht wahrer als alle anderen Perspektiven, sie speist sich aus einer spirituellen Welt, die in den Vorstellungen der indigenen Völker existierte, bevor die sogenannten Hochkulturen, aus denen das Elend, das sich heute Zivilisation nennt, hervorging, sie mit Genozid, Pocken und militärischer Technik praktisch auslöschte. Sich darin wiederzufinden, seine eigene Sehnsucht inmitten des Abfucks, in dem wir unser Leben tagtäglich fristen, wieder zu entdecken, kreierte  schon in den 70er und 80er in den autonomen Bewegungen in Italien und Deutschland die “Stadtindianer”, die 1977 den PCI Vorsitzenden Lama aus der Uni von Rom prügelte, in nicht nur einem Manifest der Westberliner Hausbesetzerbewegung hieß es “Nur Stämme werden überleben”. Aber wir, die wir aus der materialistischen Welt des Westens kommen, können nicht fliehen aus unserer Geschichte, unserer Verantwortung, unseren Begrenzungen. Physisch, psychisch, spirituell. Wir sind körperlich und geistig gefangen, unsere einzigen Perspektiven ergeben sich aus dem historischen materialistischen Antagonismus, den wir repräsentieren. Alles andere sind für uns schön erzählte Sagen und Märchen – Der mit dem Wolf tanzt – aber so wie sich am Ende von ‘Dances with Wolves’ die Welten, bei aller Neugier aufeinander und Liebe füreinander, sich wieder voneinander verabschieden müssen, so müssen wir unser Glück in dem absurden Schicksal von Sisyphos entdecken, wir haben keine andere Wahl, denn “der Felsen ist unsere Sache”, wie uns Camus in “Der Mythos des Sisyphos“ lehrt.

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Die Odyssee [Part l] – Verbrannte Erde

“Der Riot scheint nichts zu enthalten und nichts zu affimieren, vielleicht ein geteilten Antagonismus, ein geteiltes Elend und eine geteilte Negation, oft besitzt er nicht einmal die positive Sprache eines Programms oder einer Forderung, sondern nur die negative Sprache des Vandalismus, der Zerstörung und des Planlosen. Aber dennoch mangelt es ihm nicht an Determination. Clover spricht von der Überdeterminierung des Riots durch historische Transformationen, die den Antagonismus, im Speziellen die Kämpfe in der Zirkulation, notwendig machen. Der Wohlfahrtsstaat, der die Akkumulation des Kapitals im Fordismus noch begleitet hat, ist verschwunden, und mit ihm die Möglichkeit des Kapitals und des Staates, soziale und ökonomische Verbesserung für Lohnabhängige zu gewährleisten. Kapital und Arbeit wandern dann immer stärker in die Zirkulation ab, während sich die Surplusbevölkerung in der informellen Ökonomie befindet. Die neuen Aufstände in der Zirkulation müssen nicht unbedingt von Arbeitern getragen werden, denn im Prinzip kann jeder einen Marktplatz befreien, eine Straße schließen und einen Hafen besetzen. Die Aufständischen mögen Arbeiter sein, aber sie fungieren im Riot nicht als Arbeiter, denn die Beteiligten werden hier nicht durch ihre Jobs, sondern in ihrer Funktion als Enteignete unifiziert.”

Achim Szepanski – Die Ekstase der Spekulation 

***

Rebecca: “Ich eigne mich nicht als Angestellte”

Trojan: “Das ist gut”

Rebecca: “Ich kann nicht klagen. Immer noch im Geschäft?! Bist zäh, das muß man Dir lassen:” 


Während der erste Teil der Filmtrilogie von Thomas Arslan, Im Schatten, noch in den Anfangssequenzen in verwaschenen Bildern die regendurchnässte Friedrichstraße erahnen ließ, und in der späteren Handlung zumindest ohne größere Schwierigkeiten Schauplätze im alten 36 zu erkennen sind, verzichtet der zweite Teil, Verbrannte Erde, vollständig darauf, vertraute Bilder und Orte dieser tot fotografierten Stadt zu präsentieren. In einer lakonischen Filmsprache, die an Melvilles Meisterwerke denken lassen, und die sonst in diesem Land vielleicht noch Dominik Graf zu beherrschen weiß, erzählt Arslan die Geschichte des Berufskriminellen Trojan weiter, eine Typologie, die in dieser Form wohl nur noch in der Fiktion des Kinos weiterlebt. Aus dem Nirgendwo kommt Trojan nach vielen Jahren nach Berlin zurück, das er am Ende von Im Schatten fluchtartig nach der Abrechnung mit seinen Konkurrenten und der tödlichen Auseinandersetzung mit einem korrupten Bullen verlassen musste. Sein erster Coup verrät zugleich sein Aus-der-Zeit-Gefallen. Die in einer Villa erbeuteten Luxusuhren will ihm ein alter Bekannter “um der alten Zeiten wegen” für einen lächerlichen Betrag abnehmen, der Markt regelt alles, jetzt auch in der Welt der Kriminellen und Ganoven. Und so treibt Trojan durch diese Handlung und die Stadt, in der er nur ein Fremder zu sein scheint, bekommt einen Job für ein großes Ding angeboten, aber am Ende will ihn der Auftraggeber für den Raub des Kunstgemäldes selbst aus dem Weg räumen lassen. Die alte Geschichte von Loyalität und Verrat wird erzählt, lässt Raum für Nuancen und Ambivalenzen, die Menschen sterben genauso beiläufig wie zu leben gescheint haben. Neben der wirklich brillanten Lakonie, die neben Melville natürlich auch an Chandler denken lässt, besticht aber vor allem die Auswahl der Drehorte von Verbrannte Erde. Industriebrachen, riesige unbelebte Parkplätze, Fahrten durch Straßen, deren Namen sich beim Betrachten selbst den vor vielen Jahrzehnten in Berlin Geborenen nicht erschließen. Und vor allem immer wieder diese anonyme Hotelzimmer, die überall auf der Welt gleich aussehen. Nicht heruntergekommen, nicht luxuriös, einfach nur gesichtslos. Thomas Arslan selbst spricht in einem Interview über die Auswahl der Drehorte von Im Schatten von “anonymen Transitorten”.

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Die Oranienstraße der Ölsardinen – Berlin, der 1. Mai und darüber hinaus

Null

“Die Vergangenheit ist wie ein Teppich. Man kann auf ihm schreiten oder auf ihm ausrutschen.”

John Steinbeck

Beginnen wir diese Erzählung, wie alle guten Erzählungen, mit dem Vorabend, mit den scheinbar nebensächlichen Geschehnissen und Begebenheiten. Ein Prolog, der, wie bei der alten griechischen Saga, alles schon in sich trägt, was sich im folgenden Drama ereignen wird. Ein Vorwort, das nichts erklärt und nicht einordnet. Das Stimmen der Saiten im sich füllenden Saal, begleitet von dem leisen Rascheln der Gewänder, unterdrückten Räuspern und Hüsteln. Die Spannung, die sich langsam aufbaut, bevor mit einem Paukenschlag oder der ersten Geige das eigentliche Werk die Weltbühne betritt. 

Ein lauer Abend in Kreuzberg. Nicht wirklich mild, nach diesem ewigen Winter, der einfach nicht weichen wollte, all dem Eis und dem hässlichen schwarzen Split, die die ganze Stadt bedeckten. Also sind die Erwartungen an einen lauen Frühlingsabend nicht allzu hoch. Die traditionelle Walpurgisnacht Demo ist soeben zu Ende gegangen, überraschenderweise hat der Partymob noch nicht seinen Weg nach 36 gefunden, nur die Überreste der Demo verteilen sich in kleinen Gruppen vor den Spätis in der Mariannenstraße. Angenehm unauffällig, kein lautes Rumgeprolle, keine dumpfen Beats, die die Anwohner um den Schlaf bringen. Die Geschichte darf in dieser entspannten Atmosphäre durch die Straßen wehen, sich auf dem kleinen achteckigen Platz niederlassen, der immer der Heini bleiben wird, auch wenn wir alle Rio lieben, immer lieben werden. Die alten Kämpen sitzen mit Bier und Kippe auf der Bank, Geschichten über die 192 machen die Runde, jene legendäre Besetzung am Vorabend des 1. Mai 1989, die sich schnell in Barrikadenbau und massiven Bewurf der anrückenden Bullen verwandelte. Erinnerungen werden wach, wie der Supermarkt in der Naunynstraße aufgestemmt und geplündert, mit dem erbeuteten Brennspiritus auf offener Straße Molotows abgefüllt wurden, die im Verlauf des späteren Abends zum Einsatz kamen. Das Ganze zog sich dann noch über Stunden hin, war aber angesichts der kommenden Ereignisse später nur eine Randnotiz in den Medien. Das Haus selbst sollte erst zwei Wochen später geräumt werden. Die aufkommende Kälte treibt die alten Kämpen irgendwann in den Hahn, wo bei kubanischen Rum weitere Geschichten die Runde machen und Prognosen über den morgigen Tag ausgetauscht werden. Allgemein herrscht ein pessimistischer Grundtenor vor angesichts der Erfahrungen der letzten Jahren, aber wie immer glimmt die leise Hoffnung, dass es doch anders kommen könnte…

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Remontada [Part 2]

„Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball.“

Albert Camus

“Ich kenne sie nicht. Ich bin hier, um Gramsci im Original zu lesen und die Geschichte der Arbeiterbewegung zu studieren. 

Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, brasilianische Fußballlegende, zu der Frage, welchen Spieler er in seiner neuen Mannschaft AC Florenz mehr schätze. 

Ein junger Mann, eigentlich noch ein Junge, sitzt auf dem Ball an der Eckfahne in diesem Stadium und wartet darauf, dass das Spiel fortgesetzt wird, während sein Mannschaftskollege und Freund im Strafraum nach einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart noch behandelt wird. Vor einigen Tagen haben sie hier in diesem Station auch schon gespielt, die gleiche Begegnung, ein anderer Wettbewerb. Sie hatten ihn von den Rängen aus beschimpft und rassistisch verhöhnt, er “solle wieder nach Marokko abhauen”, das Land seines Vaters, während er in der Banlieue von Barcelona geboren und aufgewachsen ist, und nun stolz das Trikot seines Herzensvereins mit der magischen Rückennummer trägt. Auch heute wird es wieder nichts werden mit der Remontada, das er weiß er jetzt noch nicht. Wieder einmal wird der schöne Fußball, der immer links ist, wie Cruyff einst sagte, den sie in Barcelona verehren und dessen Philosophie sie bis heute folgen, an dem hässlichen, auf Zerstörung ausgerichteten Fußball des ausschließlich Erfolges, der Gewinnmaximierung, tragisch scheitern.

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Heaven Can Wait – 1. Mai Berlin

“Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten” 

Albert Camus

James: “The same procedure as last year, Miss Sophie?”

Miss Sophie: “The same procedure as every year, James!”

Nun haben sich die kümmerlichen Überreste der Postautonomen – die schon mit den Füßen scharren für ihr neues sensationelles Kampagnenjahr – und die diversen neuen K Gruppen – an denen neu nur ihr völlig verkümmertes Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen ist, während ihre historischen Vorgänger jenseits des stupiden autoritären Weltbildes wenigstens eine materialistische Klassenanalyse vorzuweisen hatten-, wieder lieb und gestalten die alljährliche Wallfahrt zum 1.Mai in Berlin gemeinsam. Beide Lager haben endlich die Inklusion für sich entdeckt und so präsentieren sich die veröffentlichten Aufrufe im späteren Text und auch schon im Header in ‘einfacher Sprache’. ‘Freiheit, Frieden, Solidarität’. Nicht weit weg vom “Friede, Freude, Eierkuchen’ der Loveparade des bekennenden Antisemiten Dr. Motte, der 1995 in einem Interview mit dem Tagesspiegel meinte: „Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ Und nein, wir schlagen an dieser Stelle nicht den Bogen zum virulenten Antisemitismus, der sich tief eingegraben hat in die berechtige Wut der Bewegung gegen den mörderischen Krieg den Israel gegen die Zivilbevölkerung im Gaza Streifen führt, das wäre zu billig, wenn auch rhetorisch reizvoll. Wobei auf den falschen Campismus, der spätestens mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 seinen erneuten Siegeszug in der Linken angetreten hat, noch zurückzukommen ist. 

Give me all of your dreams

And let me go alone on your way

Give me all of your prayers to sing

And I′ll turn the night into the skylight of day

Meat Loaf – Heaven Can Wait

“Wir werden am 1. Mai für euch den Himmel auf die Erde holen. Seid dabei!” und “Wir organisieren den Aufruhr!” tönt es auf dem Twitter Account des” Revolutionären 1. Mai Berlin” und die Interventionistische Linke, deren ‘Zwischenstandspapier #2’ vor 2 Jahren noch gut 30 Seiten aufwies, verzichtet in ihrem Aufruf zum 1. Mai in Berlin ‘Gegen die Gesamtscheisse’ auf jegliche theoretische Unterfütterung und versucht sich in historische Reminiszenz kurz und knackig am Slang jener Bewegung, die einst den 1. Mai in Berlin in die Geschichtsbücher einschrieb: “Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit. [sic!]”

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Remontada [Part 1] – Der Große Attraktor

Ich würd dir gerne deine Angst nehm’n, alles halb so schlimm

Einfach sagen, diese Dinge haben irgendein’n Sinn

Doch meine Texte taugten nie für Parol’n an den Wänden

Kein’n Trost spenden in trostlosen Momenten

Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch

Aber alles wird gut

Das System ist defekt, die Gesellschaft versagt

Aber: Alles wird gut

Felix Kummer – Der letzte Song

Viele denken, im Fußball geht es um Titel, um Geld, um Ego und ganz groß rauszukommen. Um all das geht es auch (und nicht so wenig) und trotzdem ist da noch etwas, was unsere Seele berührt. Da sind die manchmal verschütteten Erinnerungen an die Leichtigkeit auf dem Bolzplatz, wenn der Ball an unseren Füßen klebte, jene magischen Stunden, in denen alles, was uns zur Last wurde, sich in einem gnädigen, fernen Nebel verlor. Eine Erinnerung, die sich in jeder unserer Körperzellen eingespeichert hat, und selbst wenn wir gramgebeugt, alt und grau durch die eine Welt schleichen, die uns fremd geworden ist, erinnert sich der Körper in Sekundenbruchteilen, wenn uns unvermittelt ein Ball vor die Füße fällt, den ein Kind versehentlich über den Zaun des Fußballplatzes geschossen hat. Völlig selbstvergessen kicken wir den Ball mit aller Lässigkeit und Grandezza über den Zaun zurück, jener Moment, in denen wir wie Sisyphos aller Absurdität zum Trotz glücklich den Berg hinab schreiten um erneut erneut den Fels zum Gipfel hinauf zu stemmen. 

Fußball ist ein Geschäft, ist eine Ware, wie fast alles in dieser unserer schlechtesten aller möglichen Welten. Das Geld der Investoren, die VIP Lounges, die Mauscheleien von FIFA, UEFA und den Clubführungen mit den Diktatoren und Schlächtern der Welt. Aber Fußball ist auch noch immer der Sport der einfachen, der armen Leuten. Seine Magie strahlt immer noch über diesen Globus, in den Favelas und Townships sitzen die Menschen dicht zusammengedrängt in Trikots von Messi und Maradona vor den Fernsehern und schauen die Weltmeisterschaft oder das Finale der Champions League. Für viele arme Kinder ist Fußball der einzige Traum, um ihrem Elend und ihrer Armut, in der sie lebenslang gefangen bleiben werden, doch zu entrinnen. Und so toben sie über staubige Sandplätze und betonierte Käfige in den Banlieues dieser Welt, zittern, bangen und fallen mit ihren Helden, jubeln und feiern deren Erfolge, als wären es die ihrigen. Fußball ist der einzige Teamsport, in dem eine faktisch wesentlich schlechtere Mannschaft einen hoch überlegenen Gegner an einem guten Tag besiegen kann.

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Saudade

„Du spielst jeden Tag mit dem Licht des Universums.”

Pablo Neruda

Wo soll man anfangen…

Vielleicht mit den kalten Januartagen in den Neunzigern, als wir uns fluchend zu nachtschlafender Zeit am frühen Sonntagmorgen aus dem Bett gequält haben, um zu diesen alljährlichen Luxemburg-Liebknecht Demos zu gehen. Nicht, dass Luxemburg es nicht wert gewesen wäre, sich selbst in den Arsch zu treten, aber die Demos wurden von den gleichen unsäglichen K-Gruppen dominiert, die auch heutzutage unter anderem Label aber mit den immer noch gleichen hohlen Parolen aufmarschieren und mit denen man sowohl damals wie auch heute nichts, aber auch gar nichts teilt. Aber wir sind damals trotzdem mit vielen Genoss*innen aus der autonomen Bewegung aus einem einzigen Grund auf der Frankfurter Allee aufgetaucht: Weil es so sicher wie das Amen in der Kirche war, dass die Bullen mit diversen Hundertschaften den Block ‘der Kurden’ massiv angreifen würden. Also galt es Haltung und Solidarität zu zeigen, trotz aller Kritikpunkten an der PKK, die im Kern die gleichen geblieben sind, auch wenn heutzutage die PKK in anderen Gewändern auftritt, wie auch die K-Sekten heutzutage andere Namen tragen.

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Last Action Hero [Part 3] – Dieser Wind der weht

Das System ist am Ende. Nicht sein sozialer Antagonismus. Deshalb diese Nebelkerzen auf dem gesellschaftlichen Schlachtfeld, Manipulationen bis in die tiefsten Schichten des menschlichen Unterbewusstseins. Jede Verwertungskrise schärft schlagartig den Blick auf den revolutionären Horizont, sofort setzt ein Trommelfeuer ein, um Hoheit über den diskursiven Raum im Vakuum der kollabierenden Maschinenräume zu erlangen.

Das Ende der Geschichte’ besetzte den politischen Raum, der im Gefolge des staatskapitalitischen Systemkrise aufbrach, während Kohl und Herrhausen die ersten waren, die Milliarden in die Warschauer Vertragsstaaten pumpten, der eine erkaufte Schritt für Schritt die Wiedervereinigung, der andere verstand frühzeitig dass es darum ging sich die besten Positionen für den bevorstehenden Ausverkauf zu sichern. Doch es war auch ein Raum für revolutionäre Veränderungen, der entstand, es war nicht ausgemacht, wohin die Reise gehen würde, über Jahre fragile Machtverhältnisse, die große Kundgebung auf dem Alexanderplatz im November 1989 hatte nicht die Wiedervereinigung auf der Agenda, in den Apparaten der Warschauer Vertragsstaaten tobten heftige Machtkämpfe, noch 1991 versuchten führende Funktionäre der KPDSU einen Militärputsch, der nur knapp scheiterte. Im nachhinein werden diese ganzen hochkomplexen Prozesse einer glättenden Geschichtsschreibung unterworfen und da die historische Linke ideologisch in der Falle saß und mit dem Ende des Staatskapitalismus als bedeutender gesellschaftlicher Akteur mit unterging (eine Tatsache, deren Existenz sie sich bis heute weigert anzuerkennen), gibt es de facto nur die Geschichtsschreibung der Sieger.

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FÜR FATMA

Vor einigen Tagen ist ein alter Genosse zufällig auf eine improvisierte Gedenkstätte mit Blumen, Kerzen und Fotos von dir in der Adalbertstraße gestoßen und hat mir sofort geschrieben. Auf diesem Weg habe ich erfahren, dass ich dich nicht wiedersehen werde. In den letzten Jahren sind wir uns kaum noch über den Weg gelaufen, es heisst, dir sei es emotional nicht gut gegangen, ich weiß aber nichts genaueres und letztendlich spielt es auch keine Rolle ob die Seele oder der Körper diese Barbarei, die sie Zivilisation nennen, nicht mehr ausgehalten hat. Es gibt bestimmt Menschen, die dich viel besser kannten und berufener wären, von dir zu erzählen, aber da ich bisher nichts zu deinem Tod gelesen habe, werde ich versuchen, mit meinen bescheidenen Mitteln an dich zu erinnern.  

Früher haben wir uns häufig zufällig getroffen, meistens am Rande von Demos oder Actions, und bei all diesen Gelegenheiten hast du mich angelacht und von ganzem Herzen umarmt. Auch wenn die Umstände häufig eigentlich nicht zum Lachen waren. Aber in meinem Kopf ist da dieses strahlende Lächeln, das den ganzen Heinrichplatz erhellt hat, fest eingebrannt. Aber fangen wir damit an, was dich auch in deinem Beitrag zum Antifa Ost Verfahren, zur Frage von Aussagen und Einlassungen, beschäftigt hat, der erst vor wenigen Wochen im Oktober veröffentlicht wurde und den ich weiter unten noch einmal in voller Länge anhängen werde. 

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Last Action Hero [Part 2] Die nihilistische Commune

“Sie konnten nie begreifen, dass die Commune eine Barrikade und keine Verwaltung war.“ 

Prosper-Olivier Lissagaray

Vom Tahrir Platz über die Versammlungen und Aufmärschen der Gilets Jaunes bis zu den Temporären Autonomen Zonen der Aufstände in Frankreich nach dem Mord an Nahel (das eigene Territorium temporär ausgeweitet und befreit von der Besatzungsmacht der Bullen), seit fast 2 Jahrzehnten konstituiren sich die Aufstände, die gekommen sind, als nihilistische Commune. Sich jeglicher Repräsentanz verweigern außerhalb ihrer selbst (es muß erinnert werden an jene kläglichen Gestalten, die versuchten, als selbsternannte Vertreter der Gelbwesten in Partei-Apparaten Karriere zu machen und in der Folge handfest von den Aufzüge der Gilets Jaunes vertrieben wurden), ohne Forderungskataloge jenseits von Würde, Freiheit, Brot und Sturz des Regimes, bleiben sie sich selbst und ihrer nihilistischen Verschwörung treu, bis in ihre bittersten Tage der Niederlage hinein. Es gibt nichts zu verhandeln, Freiheit oder Tod, sie beerben ehrenvoll ihren historischen Bezugspunkt, die Pariser Commune, über die Marx in “Der Bürgerkrieg in Frankreich” sagt:

Die Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigne Befreiung und mit ihr jene höhre Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen…” 

Im Angesicht der gegenwärtigen Epoche; der ökologischen Verwüstung, der allgemeinen Tendenz zum Krieg, die Faschisierungstendenzen in Staat und Gesellschaft, der Umschreibung der menschlichen Syntax durch die allgegenwärtige KI; kann man sich seinen Untergangsfantasien hingeben, jene depressive Erlösung einer sich historisch überlebten Linken, die regressiv ihren eigenen Untergang mit dem Ende der Welt gleichsetzt, oder sich der Schärfe und Explosivität des Zusammenpralls des Klassenantagonismus stellen.

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