Bruder Tadej

Monatelange Schinderei, Höhentrainingslager, jede Kalorie, jeder Atemzug, jeder Herzschlag gezählt, vermessen, kategorisiert. Selbst der Schlaf von Maschinen überwacht. Damit am Ende alles so leicht daher kommt, von surrealer Brillanz jener Ritt auf die Gipfel der Pyrenäen ohne jemals wirklich aus dem Sattel zu steigen. Alles verblasst um ihn herum, seine ärgsten Konkurrenten nur Staffage einer One Man Show, kurze Antritte, die er mit aufreizender Lässigkeit kontert. Und doch sitzt da am Ende auf den Gipfeln im kalten Nebel ein nachdenklicher Mann in dicker Jacke und mit Wollmütze auf dem Kopf der darauf wartet, das ihn irgendjemand eine wirkliche Frage stellt, etwas sagt, was ihn berührt oder wenigstens irritiert. Aber nur immer die gleichen voraussehbaren Fragen, die er routiniert beantwortet. Und keine Spur von Glück in seinem Gesicht, kein Leuchten in den Augen angesichts all der Erfolge, des uneinholbaren Vorsprungs. Später wird er sagen, er habe all die Wochen darauf gewartet, dass sein ärgster Widersacher endlich ernst mache, aber der habe immer nur an seinem Hinterrad geklebt. Da wird er das erste Mal für einen Sekundenbruchteil so etwas wie wütend.

Um diese Wut zu verstehen, muss man versuchen zu verstehen, was er sucht, was ihn antreibt. Dass er seinen Gegner, sein Gegenüber braucht, um sich selbst zu begegnen, zu spüren, so wir wie alle nur in der Spiegelung unseres Selbst im Anderen wirklich existieren. Alles andere bleibt nur vage Imagination. Doch dazu ist das Ganze um ihn herum, um uns herum nicht gemacht. Millionenschwere Rennställe mit Investoren aus aller Welt, von Südafrika bis zum Nordkap sitzen jeden Nachmittag Massen von Menschen vor dem Fernseher oder dem Rechner, um die Tour zu schauen. Und so wie heutzutage jeder kleine Junge (und bald auch jedes kleine Mädchen) der auf dem Bolzplatz mit dem Fussball zaubert, von Scouts entdeckt und in Sportinternate gelockt wird mit dem Versprechen, irgendwann einmal vor Zehntausenden zu spielen und die ganz dicke Kohle zu machen, so wird auch auch im Jugendradsport gesiebt und gefiltert, um die Rohdiamanten zu fördern, mit denen das dicke Geld zu machen ist. Und so versuchen die Lionels und Tadejs der Welt trotzdem verzweifelt weiter die kleine Jungs zu bleiben, die einfach nur mit dem Ball zaubern oder die Berge hoch und runter rasen wollen.  

Aber irgendwann nimmt die Seele Schaden, fressen die Gesetze des Marktes die Träume des kleinen Jungen und inmitten all der Erfolge, des Ruhmes, des Geldes, fällt unserem Held jene Absurdität an, von der Camus spricht. Und tief in seinem Herzen fasst er einen Plan. Und so kommt er nach Paris und das Schicksal ist ihm gnädig. Diesmal keine Ehrenrunden auf den Champs-Élysées, mit dem Sektglas in der Hand. Sondern die Show, das Spektakel, müssen sich immer wieder selbst übertreffen, auch das gebieten die Gesetze des Marktes. Also soll es die grob gepflasterten Straßen des Montmartre hoch und wieder herab gehen, und da die Götter oder welche Macht auch immer unserem Held so wohlgesonnen ist an diesem Tag, regnet es das erste Mal seit Jahrzehnten bei der Ankunft der Tour in Paris. Ein nicht unwichtiges, entscheidendes Detail. Das dazu führt, dass die letzten 50 Kilometer außerhalb der Zeitwertung gefahren werden, um zu vermeiden dass es zu Massenstürzen kommt, auch das wäre ein Spektakel, aber (noch) nicht das gewünschte, denn noch leben wir in der Postmoderne und nicht in der Ära des Circus Maximus, wobei es nur noch eine Frage der Zeit zu scheinen scheint, bis die Erzählungen der Hunger Games Realität und nicht mehr eine dystopische Erzählung sein werden. Aber an diesem Sonntag im Juli ist es noch nicht so weit, und so ist der Moment der Revolte für unseren tragischen Held gekommen.

Diese Auflehnung gibt dem Leben seinen Wert. Erstreckt sie sich über die ganze Dauer einer Existenz so verleiht sie ihr ihre Größe. Für einen Menschen ohne Scheuklappen gibt es kein schöneres Schauspiel als die Intelligenz im Widerstreit mit einer ihm überlegenen Wirklichkeit. Das Schauspiel des menschlichen Stolzes ist unvergleichlich. Alle Entwertungen können ihm nichts anhaben.

Der Mythos von Sisyphos – Albert Camus

Während also das Feld durch Paris rollt und sich nur ein paar Sprinter für den Tagessieg wirklich schwer ins Zeug legen, realisiert Tadej seinen Plan. Von vorne greift er an, ganz in Gelb, jenes Trikot, das er nur sicher ins Ziel bringen muss ohne Sturz um seinen vierten Gesamtsieg bei der Tour zu realisieren. Nur noch einen Sieg entfernt, um in den Olymp mit Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain aufzusteigen. Aber das interessiert ihn an diesem Abend in Paris nicht. Nicht das und auch nicht das Preisgeld von einer halben Millionen Franken, das alles setzt er aufs Spiel um sich in den Regen zu stürzen, den nassen Asphalt den Montmartre hinauf zu jagen, auf der dritten und letzten Runde können ihm nur noch ein halbes Dutzend Fahrer folgen. Und nun endlich ist er wieder ganz bei sich, ein Junge der sich um nichts schert, der nur das Fahrrad zwischen seinen Beinen spüren will, ein Junge der sich mit einer handvoll Gleichaltriger misst, Gegner und doch zugleich auch Kameraden, alles wird wieder zum Spiel und wir ahnen das Glück in seinem Gesicht, wie er er uns vorbei rast. Auf dem letzten Anstieg wird er, der scheinbar Unbezwingbare, von einem Anderen überholt werden, der heute auch sein Glück findet, einige wenige Sekunden versucht er Widerstand zu leisten, ist da diese alte Versuchung, es doch wieder allen zeigen zu müssen, aber er kann ihr widerstehen, kann es gut sein lassen, kann Van Aert ziehen lassen, leichtfüssig fährt er die letzten Kilometer ins Ziel, endlich erlöst, endlich wieder er selbst. Und so kehrt auch das Strahlen in sein Gesicht zurück, denn heute hat er sich das größte Geschenk selbst gemacht, für einige Augenblicke während der wilden Hatz über den Montmartre wieder der Herr über sein eigenes Leben geworden zu sein. Die Vuelta? wer weiß… Vielleicht noch die Olympischen Spiele, vielleicht auch nicht. Er redet erstmalig über den Preis, den er tagtäglich zahlt für seinen Erfolg, die im Hintergrund lauernde Depression (die heutzutage als Burnout verkauft wird, wir befinden uns ja im Profisport und wer war nochmal Enke?), das Kind und der Mann in ihm scheinen endlich ins Gespräch gekommen zu sein und so schreitet er den Berg hinab, seinem ewigen Schickals entgegen, jenem Stein, den wir alle immer und immer wieder den Berg hinauf rollen müssen, unsere ganze Lebensspanne lang, aber in diesem Momenten, wo er den Berg hinunter schreitet, das Absurde seines Schicksal gewiß und zugleich darüber triumphierend, müssen wir uns Tadej als einen glücklichen Menschen vorstellen, wie uns Camus gelehrt hat.

Sebastian Lotzer

Berlin, den 29. Juli 2025