
„Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball.“
Albert Camus
“Ich kenne sie nicht. Ich bin hier, um Gramsci im Original zu lesen und die Geschichte der Arbeiterbewegung zu studieren.
Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, brasilianische Fußballlegende, zu der Frage, welchen Spieler er in seiner neuen Mannschaft AC Florenz mehr schätze.
Ein junger Mann, eigentlich noch ein Junge, sitzt auf dem Ball an der Eckfahne in diesem Stadium und wartet darauf, dass das Spiel fortgesetzt wird, während sein Mannschaftskollege und Freund im Strafraum nach einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart noch behandelt wird. Vor einigen Tagen haben sie hier in diesem Station auch schon gespielt, die gleiche Begegnung, ein anderer Wettbewerb. Sie hatten ihn von den Rängen aus beschimpft und rassistisch verhöhnt, er “solle wieder nach Marokko abhauen”, das Land seines Vaters, während er in der Banlieue von Barcelona geboren und aufgewachsen ist, und nun stolz das Trikot seines Herzensvereins mit der magischen Rückennummer trägt. Auch heute wird es wieder nichts werden mit der Remontada, das er weiß er jetzt noch nicht. Wieder einmal wird der schöne Fußball, der immer links ist, wie Cruyff einst sagte, den sie in Barcelona verehren und dessen Philosophie sie bis heute folgen, an dem hässlichen, auf Zerstörung ausgerichteten Fußball des ausschließlich Erfolges, der Gewinnmaximierung, tragisch scheitern.
Aber noch weiß das der Junge da an der Eckfahne ja noch nicht. Noch schlägt in seinem Herzen die Hoffnung. So wie Sokrates, der griechische, nicht der brasilianische, stützt er nachdenklich sein Kinn auf seine leicht geballte Faust, sein Blick in die Weite des Feldes erfasst alles und zugleich nichts. Ganz selbstverständlich hat er die gesamte Last der Verantwortung auf seine Schultern geladen, blind vertrauen ihm seine Gefährten, er wird bis zur letzten Sekunde mit aller Entschlossenheit kämpfen und mit seinem Spiel erneut all jene auf der ganzen Welt verzaubern, die den Fußball um des Fußballs wegen lieben. Nach dem Spiel wird er, der erst 18jährige, über das ganze Feld gehen, um jeden seiner Kameraden zu trösten, und um dann im Spielertunnel zu verschwinden. Und während sich das Stadion leert und die Anhänger der siegreichen Mannschaft schon auf dem Weg nach Hause oder in die Bar sind, stehen Tausende noch auf den Oberrängen im Gästeblock, nicht nur die Ultras. Sie singen und hüpfen im sonst menschenleeren Rund, feiern ihre ausgeschiedene Mannschaft, ihre Rufe und Gesänge hallen bis in die Katakomben, bis in die Umkleidekabine ihrer Helden. Sie weigern sich, die Geschichtsschreibung den Siegern zu überlassen, ihre trotzigen Gesänge in den Madrider Nachthimmel verkünden, dass der Kampf noch nicht vorbei ist, nicht wirklich, auch wenn er heute tragisch ausgegangen ist. Aber das Morgen gehört jenen, deren Herzen in Sehnsucht nach einer besseren Welt schlagen, einer Welt, in der das Schöne die Perfektion der Zerstörung besiegt.
Nun also, setzen wir uns auch einen Moment lang zu Yamal. Lassen wir die Geschichte einen Augenblick lang ruhen, versuchen wir zu begreifen, wo wir uns wiederfinden und wie wir dorthin gelangt sind, wo wir uns wiederfinden. Was daran zu begreifen und daraus zu lernen ist, bevor wir uns wieder ins Getümmel der Schlacht werfen.
Man muss nicht so weit gehen wie die Autoren des Konspirationistischen Manifests, dass die Inszenierung des weltweiten Corona Ausnahmezustandes die direkte konterrevolutionäre Niederschlagung der weltweiten Aufstandsbewegung der Jahre vor dem Frühjahr 2020 gewesen ist, um doch zu begreifen, dass dieser Ausnahmezustand einen geschichtlichen Bruch markierte, der gleichzusetzen ist mit der Bedeutung des Zusammenbruchs des staatskapitalistischen Blocks der SU und ihrer Verbündeten. 1919, 1921, 1933, 1945, 1989, 2020. Geschichte zu begreifen, sich in ihr als handelndes Subjekt zu bewegen, ist eine Notwendigkeit aller revolutionären Begehrlichkeit. Der Corona Ausnahmezustand schaffte die Voraussetzungen für die allgemeine Tendenz zum Krieg in der Verwertungskrise des Kapitals. Fast alles wurde denk- und sagbar, die dünne Tünche der sogenannten Zivilisation wurde hinfällig, überall Bullen und Militär, jeden Tag apokalyptische Szenarien, die durch die Medien und sozialen Netzwerke gejagt wurden, als sei die Pest zurückgekehrt. Ein absurder Überbietungswettbewerb, der designierte Gesundheitsminister verkündete, die Seuche werde durch die Toilettenspülung von Wohnung zu Wohnung getragen, ein Großteil der linken und metropolitanen Wohlstandsanarchisten immer vorneweg im fanatischen Gesundheitsmob. Jetzt sammeln die neuen K Gruppen die Beute ein, während große Teile der feministischen Bewegung ‘my body my choice’ und ihre gesamte grundlegende und richtige Kritik an Biopolitik auf dem Scheiterhaufen der Seuche verbrannten und immer noch unbelehrbar im Frühsommer 2026 Corona Tests auf ihrer Walpurgisnacht Demo verteilen. Wahrlich, die aufständische Geschichte hat andere Akteure verdient.
Nun also, wo die Tendenz zum Krieg allgegenwärtig ist, die Gesellschaft und die sie umgebende Infrastruktur kriegstüchtig gemacht werden, und der Kahlschlag des sogenannten Sozialstaates auf die Tagesordnung gesetzt wird, verblüfft die Wehrlosigkeit mit der selbst die mögliche allgemeinen Verpflichtung zum Kanonenfutter hingenommen wird (die Proteste gegen die kommende Wehrpflicht waren wirklich sehr handzahm und sehr übersichtlich) nur auf den ersten Blick.
„Das wirklich Beängstigende am Totalitarismus ist nicht, dass er Massaker begeht, sondern dass er das Konzept der objektiven Wahrheit angreift: Er gibt vor, die Vergangenheit wie die Zukunft zu kontrollieren.“
George Orwell
Wenn wir uns also in der gegenwärtigen Situation behaupten wollen, uns wieder in die Möglichkeit versetzen wollen, auch in den Metropolen als Subjekte Geschichte schreiben zu können, heisst es auszugehen von den Erfahrungen der nihilistischen Commune, der Brillanz ihrer Negation aller bestehenden gesellschaftlichen Verpflichtungen, ihrer Verweigerung jeglicher Repräsentanz und Partizipation. Nur außerhalb des tagtäglichen Rauschens, das spätestens mit der Siegeszug der KI bis tief in das Unterbewusstsein der Subjekte Einzug hält, kann ein revolutionärer Prozeß überhaupt wieder gedacht werden, jenseits des totalitären Zugriffs auf die gesellschaftlichen Subjekte. Frühere aufständische Generationen sprachen von der ‘militanten Untersuchung’, im hier und jetzt gilt es auf einen ähnlichen Ansatz zurückzugreifen, es muß überhaupt erst wieder eine theoretische Arbeit geleistet werden, die nicht auf eine akademische Karriere oder intellektuellen Ruhm abzielt und die konkret an den vorhandenen Brüchen und Formen von realen Desertationen aus der gesellschaftlichen Totalität ansetzt. Deshalb waren die Ausschreitungen zu Silvester in Berlin in den letzten Jahren oder die Corona-Riots 2020 in Stuttgart und Frankfurt von so besonderer Bedeutung, weil sich in ihnen eine Bruchlinie manifestierte, die so sonst nicht sichtbar wird. Aber man muss das begreifen wollen und können, oder man lebt weiter in seiner identitären Blasenwelt, in denen es nur so von Monstern wimmelt, denn fast nichts rächt sich grausamer als die Unterdrückung der eigenen Leidenschaften.
Die nihilistische Commune repräsentiert also in sich, in dem Akt ihrer Entstehung, wie in ihrer trotzigen Behauptung gegen die allgemeine Umzingelung, die wichtigsten Lektionen für die gegenwärtige Epoche der Kämpfe. Sie ist Herrin ihrer eigenen Geschichte, indem sie ihre Geschichte selbst schreibt, nicht das Ergebnis, der vermeintliche Erfolg sind das, was zählt, sondern die Leidenschaft, die sie repräsentiert. Eine Leidenschaft, die sich mit einem historischen Materialismus bewaffnet, weil sie um ihre Fragilität weiß, weil sie klug den Moment und den Weg des Aufstandes bestimmen muss, weil sie sich nicht als Selbstzweck begreift, sondern als gesellschaftliches Experiment und revolutionäre Erfahrung, auf der die zukünftigen Kämpfe aufbauen können, die in der Lage sein werden, das Kadaver des Kapitalismus, der im Endgame an seiner nicht lösbaren Verwertungskrise innerlich verfault, ein für alle mal loszuwerden. Sie gibt also der aufständischen Tendenz eine Form und sie vermittelt Hoffnung, sie ist die Elpis und Iris zugleich, sie ist alles, was die historische Linke nicht mehr ist. Deshalb wird sie von dieser negiert, ihre Akteure ihrer Subjektivität beraubt, ihr Wesen mit vernichtenden Attributen behaftet. Das ist nichts Neues. Schon die Commune von Berlin musste von Luxemburg gegen den linken Defätismus verteidigt werden.
“Wie erscheint die Niederlage dieser sogenannten Spartakuswoche im Lichte der obigen historischen Frage? War sie eine Niederlage aus stürmender Revolutionsenergie und unzulänglicher Reife der Situation, oder aber aus Schwächlichkeit und Halbheit der Aktion?
Beides! Der zwiespältige Charakter dieser Krise, der Widerspruch zwischen dem kraftvollen, entschlossenen offensiven Auftreten der Berliner Massen und der Unentschlossenheit, Zaghaftigkeit, Halbheit der Berliner Führung ist das besondere Kennzeichen dieser jüngsten Episode.
Die Führung hat versagt. Aber die Führung kann und muss von den Massen und aus den Massen heraus neu geschaffen werden.”
Es ist ein Schein, dass wir uns in unbekannten Gewässern bewegen, dass Vorsicht zu walten hat. Wir sind nicht Captain Ahab, wir sind nicht besessen, wir müssen nur unsere falschen Freunde loswerden. Wir müssen wie der Junge an der Eckfahne unseren Blick über das gesamte Feld schweifen lassen und an unsere Remontada glauben. Mit ganzem Herzen. Der Vorabend des Krieges ist der Vormärz der Revolution.
“Ich war, ich bin, ich werde sein.”
Sebastian Lotzer, Berlin Kreuzberg
18. April 2026
