Heaven Can Wait – 1. Mai Berlin

“Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten” 

Albert Camus

James: “The same procedure as last year, Miss Sophie?”

Miss Sophie: “The same procedure as every year, James!”

Nun haben sich die kümmerlichen Überreste der Postautonomen – die schon mit den Füßen scharren für ihr neues sensationelles Kampagnenjahr – und die diversen neuen K Gruppen – an denen neu nur ihr völlig verkümmertes Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen ist, während ihre historischen Vorgänger jenseits des stupiden autoritären Weltbildes wenigstens eine materialistische Klassenanalyse vorzuweisen hatten-, wieder lieb und gestalten die alljährliche Wallfahrt zum 1.Mai in Berlin gemeinsam. Beide Lager haben endlich die Inklusion für sich entdeckt und so präsentieren sich die veröffentlichten Aufrufe im späteren Text und auch schon im Header in ‘einfacher Sprache’. ‘Freiheit, Frieden, Solidarität’. Nicht weit weg vom “Friede, Freude, Eierkuchen’ der Loveparade des bekennenden Antisemiten Dr. Motte, der 1995 in einem Interview mit dem Tagesspiegel meinte: „Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ Und nein, wir schlagen an dieser Stelle nicht den Bogen zum virulenten Antisemitismus, der sich tief eingegraben hat in die berechtige Wut der Bewegung gegen den mörderischen Krieg den Israel gegen die Zivilbevölkerung im Gaza Streifen führt, das wäre zu billig, wenn auch rhetorisch reizvoll. Wobei auf den falschen Campismus, der spätestens mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 seinen erneuten Siegeszug in der Linken angetreten hat, noch zurückzukommen ist. 

Give me all of your dreams

And let me go alone on your way

Give me all of your prayers to sing

And I′ll turn the night into the skylight of day

Meat Loaf – Heaven Can Wait

“Wir werden am 1. Mai für euch den Himmel auf die Erde holen. Seid dabei!” und “Wir organisieren den Aufruhr!” tönt es auf dem Twitter Account des” Revolutionären 1. Mai Berlin” und die Interventionistische Linke, deren ‘Zwischenstandspapier #2’ vor 2 Jahren noch gut 30 Seiten aufwies, verzichtet in ihrem Aufruf zum 1. Mai in Berlin ‘Gegen die Gesamtscheisse’ auf jegliche theoretische Unterfütterung und versucht sich in historische Reminiszenz kurz und knackig am Slang jener Bewegung, die einst den 1. Mai in Berlin in die Geschichtsbücher einschrieb: “Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit. [sic!]”

Aus dem Nichts ersteht ein ‘Antifa-Block’ wieder auf, während in den letzten Jahren Antifa in Berlin vor allem eine Angelegenheit von Sitzblockaden und Partizipation an den diversen ‘Wir sind mehr’ Massenkundgebungen war, die von einem breiten Bündnis aller ‘demokratischen Parteien’ organisiert wurden und vor allem eins waren: Eine bedingungslose Einschwörung auf die Verteidigung des kapitalistischen Normalzustandes, während sich an den Versuchen Aufmärschen der Strassenfaschisten direkt entgegen zu treten, meist nur im besten Fall einige Dutzend Menschen beteiligten und die überwiegende Mehrzahl der Demos im Kontext der fast beispiellosen Repressionswelle gegen militante Antifas (Antifa Ost Verfahren, etc.) nur einige hundert Menschen (wenn überhaupt) mobilisieren konnten und es in Berlin mittlerweile Standard ist, das ehemalige Führungskader der Nazis über Stunden Antifa Aktionen abfilmen können und höchstens mit Regenschirmen symbolisch “abgeschirmt” werden. Nun also “Antifa in die Offensive”, natürlich im Schutz der alljährlichen Massenlatschdemo am 1. Mai. Und natürlich darf ein Aufruf zu einem ‚anarchistischen Block’ im ‘Antifa- Block’ nicht fehlen und mensch fragt sich, wo all die unterzeichnenden “Autonome und Anarchisten” die restlichen 364 Tage im Jahr stecken, soweit sie nicht den aktionistischen Splittern zuzurechnen sind, die regelmäßig mit Brandsätzen an Kabelsträngen die Berliner S Bahn sabotieren, wenn sie nicht ausnahmsweise einen lichten Moment haben und das Tesla Werk bei Grünheide lahmlegen, aber das sofort wieder toppen, in dem sie der Thermometersiedlung im Südosten Berlins mitten im Winter bei Dauerfrost für Tage Licht und Wärme kappen, was für sie, ganz lässig im Ḿilitärjargon, als ‘Kollateralschaden’ durchgeht.

Die Thermometersiedlung, eines jener typischen Neubaughettos, wie sie Anfang der 70er überall an den Rändern von Berlin entstanden sind. Über die Hälfte der 5000 Menschen dort haben einen Migrationshintergrund, ein großer Teil muss sich mit prekären Arbeitsverhältnissen durchschlagen, fast jede/r Fünfte lebt von Sozialhilfe, die Kinderarmut liegt bei fast 40%. Die Thermometersiedlung ist ein Schwerpunkteinsatzgebiet der Berliner Bullen seit Silvester 2022, als Berlinweit Krawalle ausbrachen, die den Bullen völlig aus dem Ruder liefen. Jedes Jahr werden nun ganze Einsatzhundertschaften zum Jahreswechsel in die Siedlung verlegt. Wenn es in dieser Stadt heimliche Sympathien für ‘L’Insurrection qui vient’ gäben sollte, so sind sie mit Sicherheit unter den rebellischen Fraktionen des jugendlichen migrantischen Surplus Proletariats zu finden, das in der Thermometer Siedlung beheimatet ist. Dass sie in den zahlreichen Wortmeldungen und Folge-Communiques der diversen anarchistischen – und Vulkangruppen nicht einmal Erwähnung finden, sagt alles über die völlige Selbstbezogenheit dieser Tendenz der anarchistischen Galaxie aus, deren moralische Selbsterhöhung den “gewöhnlichen” Menschen ihre Subjektivität raubt, sie zu Objekten in einer quasimilitärischen Guerilla Konfrontation mit dem Staat und dem technologischen Komplex degradiert.

“Weltweit dürfte keine weitere linksradikale Szene existieren, die ähnlich paradox an einem Ritual der eigenen Konzeptlosigkeit festhält, wie die Berliner am 1. Mai.”

Autonome Gruppen – Jetzt oder nie! Über den nächsten und vielleicht letzten 1. Mai (2017)

Kommen wir, wie versprochen, zurück zu den Anfängen dieser Polemik, denn um eine solche handelt es sich ohne Zweifel, alle produktiven theoretischen und vor allem praktischen Initiativen, diesem alljährlichen Spektakel Leben einzuhauchen, sind längst gescheitert, waren vielleicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil so wie die Eruption am 1. Mai 1987 eine ganz praktische Kritik an der “Gesellschaft des Spektakels” gewesen war, so war die 1988 erstmalig organisierte “Revolutionäre 1. Mai Demo” schon in ihrer Genese selbst ein gesellschaftliches Spektakel. Vorrangig angeschoben von jenen autonomen Kreisen, die nach dem 1. Mai 1987 vor allem mit der Inszenierung von sogenannten “Kiezpalavern” beschäftigt waren (und sich öffentlich von der “ziellosen Gewalt” zu distanzieren), auf denen sie eben nicht mit den plündernden und brandschatzenden Proleten, sondern mit der neuen linksgrünen Middle Class zusammen hockten, boten die Demos in den ersten Jahren immerhin einen Raum, der militante Initiativen ermöglichte, diese waren aber im besten Fall nur politisch, niemals sozial bestimmt und und den meisten Fällen nur schlicht taktischer Natur. Spätestens mit der Verlegung der alljährlichen Demo in die Abendstunden (die ursprünglich nur erfolgte, um vielen Leuten sowohl eine Intervention gegen einen großen Nazi Aufmarsch in Leipzig am Mittag und die abendliche Beteiligung in Berlin zu ermöglichen) begann die endgültige Eventisierung der Demo. Abertausende, völlig unorganisiert, mit der Bierflasche in der Hand, schlenderten am Ende und am Rande der Demos mit, der Übergang zum staatlich inszenierten Befriedungsprojekt Myfest gelang fließend, etliche Securities des Myfestes wurden unter den migrantischen Jugendlichen rekrutiert, die sonst mit die ersten waren, die die Bullen mit Steinen eindeckten. Die diversen “linksradikalen” Grüppchen glänzten mit eigenen Ständen auf oder am Rande des Myfestes, money rules the world. Und es war viel Geld zu verdienen am 1. Mai. Irgendwann war der Frontblock nur noch eine leere Hülse, die Bullen hatten die volle Kontrolle darüber, wann und wo dieser zerlegt wurde. Und er wurde immer zerlegt. Mit ein Grund, warum er jedes Jahr kleiner wurde und irgendwann von den letzten autonomen Zusammenhängen an die neuen roten Gruppen vererbt wurde, die immerhin eine beeindruckende Anzahl von roten Winkelelementen vorzuweisen hatten. 2009 gab es dann noch ein für alle völlig überraschendes Revival und über eine Länge von mehreren Kilometern wurden ganze Hundertschaften massiv mit Steinen eingedeckt und mussten sich mehrmals zurückziehen. Dann war Ende mit organisierter Militanz, ein paar Jahre noch schaffte es sich die sogenannte Kotti Party zu etablieren, auf der sich vor allem reichlich Betrunkene, aber auch einige Gruppen des migrantischen Surplus Proletariats Faustkämpfe mit den Bullen lieferten.

Seit diesen Zeiten ist der 1. Mai auf das reduziert, was er im Kern schon immer war: Ein Spektakel, ein Event, das von seinem Mythos lebt und der vagen Hoffnung, dass etwas passieren könnte, woran man sich am nächsten Tag noch erinnert. Eigentlich gibt es kaum etwas Traurigeres als alljährlich zu erleben, wie Zehntausende mit sehr viel Verbalradikalismus wie eine Schafherde als civil wargame für die aus allen Bundesländern herbeigekarten Einsatzhundertschaften fungieren.

“Ich habe eiserne Prinzipien.“ Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich noch andere.”

Groucho Marx

Nun also die nächste Aufführung am 1. Mai, es ist wie mit einem Abonnement der TheaterGemeinde, du willst eigentlich die eine geile Brecht Inszenierung am Berliner Ensemble sehen und musst den ganzen Rest an Langeweile, Mittelmäßigkeit und Borniertheit mit in Kauf nehmen, weil du sonst nie an Karten kommen würdest. Wenigstens muss man dafür nicht früh aufstehen. Immerhin dürfte der diesjährige Aufmarsch weitere Bodenlosigkeiten mit sich bringen. Die Zeiten, wo Nationalfahnen auf der 1. Mai Demo verpönt waren, gehören ja nun der Vergangenheit an, früher praktizierten das eigentlich nur ein paar Spinner der Cuba Freundschaftsgesellschaft und das wurde allgemein als Folklore geduldet. Die Einzigen, die mit dieser Selbstverständlichkeit brachen, waren die Antipode der heutigen Organisatoren der 1. Mai Demo, die Antideutschen, die tatsächlich Mitte der 90er mit Fahnen von den USA, GB und der von Frankreich auftauchten, was natürlich als bloße Provo gedacht war und soweit ich weiß, konnten sie damit auch nicht mitlaufen. Dieses Jahr dürfte sich das aber endgültig erledigt haben mit der Kritik an den Nationalstaaten, schon letztes Jahr waren neben einem Fahnenmeer von Palästina Fahnen einige libanesische Fahnen zu sehen und was das noch mit irgendeiner Form von Revolution oder Emanzipation zu tun hat, dürfte selbst den Schülern der Dialektik schwer fallen zu erklären (wobei zu vermuten ist, dass den Kadern der neuen K Gruppen selbst das Wesen der Dialektik irgendwie verschlossen geblieben ist). Nun also, wo sich im Gefolge des Massakers am 7. Oktober der Krieg auf fast den gesamten Nahen Osten ausgedehnt hat, eine Tatsache, die nicht den größenwahnsinnigen Fantasien einiger Psychopathen geschuldet ist, sondern die allgemeine Tendenz zum Krieg als FOLGE DER VERWERTUNGSKRISE repräsentiert, die multipolare Neuordnung der Welt, oder wie Sandro Moiso in “Ein Verbrechen namens Krieg” schrieb:

“Konflikte und Widersprüche, die zwangsläufig entstehen und sich exponentiell verschärfen werden, sind nicht die Folge von Systemfehlern, noch sind sie dessen faulige Früchte oder eine vorübergehende Notwendigkeit, sondern im Gegenteil die vollständige Verwirklichung eines politischen, wirtschaftlichen und militärischen Wandels, der nur durch einen radikalen Umsturz seines Wesens und seiner Paradigmen beendet werden kann. Wie Rosa Luxemburg, die bereits im Epigraph zitiert wurde, feststellte: ‘Seine weitere Herrschaft ist mit dem Fortschritt der Menschheit unvereinbar’, denn zum ersten Mal in der Geschichte sind Ausbeutung und Arbeitslosigkeit, Entfremdung und Krise, Krieg und Zerstörung nicht die zufälligen Produkte und Nebenwirkungen einer bestimmten Art der Produktion und Reproduktion des Lebens und seines Unterhalts, sondern vielmehr ihre unvermeidliche und notwendige Folge, ihre ‘Lebensbedingung’“.

Doch solche analytischen Durchdringungen der Realität, der wir alle unterworfen sind, und die uns mit in ihren geschichtlichen Abgrund reißen wird, wenn wir ihr nicht in den Arm fallen, sind nicht mehr en vogue, auch die neuen K Gruppen, die das Erbe der kommunistischen Bewegung zu vertreten behaupten, sind letztendlich auch nur ein Ausdruck der allgemeinen Tendenz der Linken zur bloßen Identitätslinken, völlig losgelöst von jeglicher materialistischen Gesellschaftskritik. Und so ist es auf Dringendste zu befürchten, dass wir dieses Jahr das Vergnügen haben werden, dass die Fahne der Islamischen Republik dutzendfach auf der 1. Mai Demo spazieren getragen wird als Repräsentanz der “Achse des Widerstandes”. Ein dumpfer, dummer Antiimperialismus, ein zutiefst reaktionärer Campismus, der auf die toten iranischen Schwestern und Brüder spuckt, die zu Tausenden von den Mullahs in Teheran abgeschlachtet wurden.

Jin, Jiyan, Azadî – und sonst nichts

Parham Shahrjerdi

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Berlin Kreuzberg, den 11. April 2026 

Sebastian Lotzer