Ich würd dir gerne deine Angst nehm’n, alles halb so schlimm
Einfach sagen, diese Dinge haben irgendein’n Sinn
Doch meine Texte taugten nie für Parol’n an den Wänden
Kein’n Trost spenden in trostlosen Momenten
Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch
Aber alles wird gut
Das System ist defekt, die Gesellschaft versagt
Aber: Alles wird gut
Felix Kummer – Der letzte Song
Viele denken, im Fußball geht es um Titel, um Geld, um Ego und ganz groß rauszukommen. Um all das geht es auch (und nicht so wenig) und trotzdem ist da noch etwas, was unsere Seele berührt. Da sind die manchmal verschütteten Erinnerungen an die Leichtigkeit auf dem Bolzplatz, wenn der Ball an unseren Füßen klebte, jene magischen Stunden, in denen alles, was uns zur Last wurde, sich in einem gnädigen, fernen Nebel verlor. Eine Erinnerung, die sich in jeder unserer Körperzellen eingespeichert hat, und selbst wenn wir gramgebeugt, alt und grau durch die eine Welt schleichen, die uns fremd geworden ist, erinnert sich der Körper in Sekundenbruchteilen, wenn uns unvermittelt ein Ball vor die Füße fällt, den ein Kind versehentlich über den Zaun des Fußballplatzes geschossen hat. Völlig selbstvergessen kicken wir den Ball mit aller Lässigkeit und Grandezza über den Zaun zurück, jener Moment, in denen wir wie Sisyphos aller Absurdität zum Trotz glücklich den Berg hinab schreiten um erneut erneut den Fels zum Gipfel hinauf zu stemmen.
Fußball ist ein Geschäft, ist eine Ware, wie fast alles in dieser unserer schlechtesten aller möglichen Welten. Das Geld der Investoren, die VIP Lounges, die Mauscheleien von FIFA, UEFA und den Clubführungen mit den Diktatoren und Schlächtern der Welt. Aber Fußball ist auch noch immer der Sport der einfachen, der armen Leuten. Seine Magie strahlt immer noch über diesen Globus, in den Favelas und Townships sitzen die Menschen dicht zusammengedrängt in Trikots von Messi und Maradona vor den Fernsehern und schauen die Weltmeisterschaft oder das Finale der Champions League. Für viele arme Kinder ist Fußball der einzige Traum, um ihrem Elend und ihrer Armut, in der sie lebenslang gefangen bleiben werden, doch zu entrinnen. Und so toben sie über staubige Sandplätze und betonierte Käfige in den Banlieues dieser Welt, zittern, bangen und fallen mit ihren Helden, jubeln und feiern deren Erfolge, als wären es die ihrigen. Fußball ist der einzige Teamsport, in dem eine faktisch wesentlich schlechtere Mannschaft einen hoch überlegenen Gegner an einem guten Tag besiegen kann.
Fußball ist auch eine Allegorie unseres Lebens, deshalb lieben ihn so viele Menschen, deshalb feiern und trauern wir mit unseren Helden, sind tagelang am Boden zerstört, wenn unsere Mannschaft ein wirklich wichtiges Spiel verloren hat. Deshalb erinnern wir uns noch an jede Einzelheit jener 90 Minuten eines Finales, in der unsere Herzensmannschaft gestanden hat, als wenn es unsere erste Liebesnacht gewesen wäre. Fußball lebt nicht von den Erfolgen und Trophäen, er lebt davon, dass er Geschichten erzählt und Geschichte schreibt. Und er lehrt uns das Leben selbst. In all seinem Glanz, seiner Niedertracht, seinem Schmerz, seinem Bangen, seinem Hoffen. Fußball lehrt uns auch, nicht aufzugeben, an uns, und unsere Fähigkeiten zu glauben, daran, uns das Glück mit aller Macht zurück zu erobern, er lehrt uns auf das Unmögliche zu hoffen und alles was wir sind, dafür in die Waagschale zu werfen. Niemand, der das Spiel am 8. März 2017 zwischen Barca und PSG gesehen hat, wird diese 90 Minuten des Achtelfinale-Rückspiel der Champions League jemals vergessen. Die scheinbare aussichtslose Ausgangssituation, die zwischenzeitliche Euphorie nach dem 3:0, die Hoffnungslosigkeit, die sich breit zu machen drohte, nach dem Gegentor von PSG. Das dramatische Ende, die entscheidenden 3 Treffer in den letzten acht Minuten des Spiels. Doch auch wenn die Remontada nicht gelingt wie jüngst in jenem auf dem Papier genauso aussichtslosen Unterfangen beim Rückspiel des Pokal-Halbfinale zwischen Barca und Atletico Madrid, so bleiben doch auch diese 90 Minuten den Rest unseres Lebens in unserem Gedächtnis verhaftet. Die Genialität der Pässe eines Pedris, das kurzfristige Glück im Gesicht eines Bernals nach seinem Doppelpack, die Einsamkeit eines Lamine nach dem Ausscheiden im Spielertunnel. Die minutenlangen, stehenden Ovationen der Fans im Camp Nou für die eigene Mannschaft, die sich völlig verausgabt hatte und zum Teil noch lange nach dem Spiel ausgepumpt und niedergeschlagen auf dem Rasen lag oder hockte. Die wahre Größe des Menschen findet sich nicht in seinen Erfolgen oder Niederlagen, sondern in der Leidenschaft, mit der er jeden scheinbar noch so aussichtslosen Kampf aufnimmt.
Womit wir die Welt des Fußballs schweren Herzens verlassen und – der oder die geneigte Leser*in ahnte es schon – zur gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Gemengelage kommen. Ausnahmezustand, Krieg und Gemetzel, die Polykrise des Kapitalismus im Endgame, während im Hintergrund die Verwertungskrise die Akteure vor sich her treibt, die trotzdem den Gesetzmäßigkeiten des Marktes nicht entkommen können. Fast zwei Dekaden von aufständischen Flächenbränden, die sich über den Globus fressen in einer Intensität wie sie nicht einmal 1968 kannte und trotzdem überall hierzulande dieser alles entwaffnende Defätismus, das fast schon lustvolle Suhlen in Hoffnungslosigkeit und dem ‘Ende der Welt’, die Projektion der eigenen depressiv-neurotischen Subjektivität auf den Lauf der Welt, das tobende, enttäuschte Kind, das die eigene Welt eins setzt mit der Welt im Allgemeinen. Das Leid ist groß, ohne Frage, und doch anscheinend nicht groß genug, um sich von den liebgewonnenen Begrenzungen der eigenen Blasen endgültig zu verabschieden. Die Linken haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern – um Marx leicht abzuwandeln. So wie der olle Karl sich mit seiner Kritik an den Philosophen jenen ab – und dem historischen Materialismus zu wandte, so ist es die Aufgabe der antagonistischen Splitter von heute, eine neue Theorie zu entwickeln, die den revolutionären Horizont wieder aufreißt. Um nicht weniger geht es. Der Zerstörungswut des Kapitalismus in der Polykrise ist nicht mit moralischer Überlegenheit beizukommen, jeder Vorabend eines Krieges ist auch der Vorabend einer möglichen revolutionären Situation. Das ist kein Euphemismus, sondern die Erfahrung aus der Geschichte, die immer, seit dem Beginn dessen, was sich Zivilisation nennt, die Geschichte der Klassenkämpfe ist.
Das erste, was sich die nihilistische Commune, die gegenwärtige Konstituierung der Aufstände, wie ich sie in einem anderen Zusammenhang genannt habe, wieder aneignen muss, ist die Kontrolle über ihre eigene Geschichtsschreibung. Trotz der Intensität der aufständischen Erfahrungen der letzten beiden Dekaden dominieren nicht die Erzählungen der Aufständischen selbst, sondern die Erzählungen über sie. Die historische Linke ist geschichtlich gescheitert, aber sie hat im symbiotischen Prozess hin zum Teil des Staates selbst Werdens einen geschichtlichen Vervielfältigungsapparat erschaffen, der sich stets im bewussten Graubereich zwischen Systemopposition und Systemkritik bewegt und nur in der geschichtlichen Zuspitzung (z.B. hierzulande Offensive der RAF 77) sich klar für alle sichtbar auf der Seite der Macht verortet. Das vorherrschende Narrativ, das all die Aufstände und Revolten der letzten 2 Dekaden nicht zielführend gewesen sein, sprich zum wirklichen Umsturz geführt hätten, oder zumindest die Andeutung dessen, enthält auch die Deutung das es der theoretische Unterfütterung durch die Linke selbst bedurft hätte um diese revolutionäre Brisanz zu entfalten. Die Totengräber streifen sich den weißen Kittel über. Dagegen gilt es im Prozeß der eigenen Geschichtsschreibung durch die Aufständischen selbst sich wieder die Deutungshoheit über die eigene Geschichte und damit über den geschichtlichen Prozess selbst anzueignen. Es gilt, sich nicht bange machen zu lassen von den diversen Untergangserzählungen, sie dienen vorrangig dem Machterhalt, weil sie in jeglicher Kolorierung immer nur Ohnmacht generieren. Geschichte ist immer auch die Erfahrung von gesellschaftlichen Kipppunkten und Brüchen, die den revolutionären Horizont aufreissen. Um aber überhaupt wieder innerhalb dieser Gesetzmäßigkeiten als handlungsfähige Kraft präsent sein zu können, bedarf es vordringlich den Glauben an die eigene Befähigung, Kämpfe wieder siegreich gestalten zu können, wiederzugewinnen.
„Man muss ein revolutionäres Herz haben, um die Welt zu verändern, aber einen kühlen Kopf, um sie nicht zu zerstören.“
Che Guevara
wird fortgesetzt…
