
Null
“Die Vergangenheit ist wie ein Teppich. Man kann auf ihm schreiten oder auf ihm ausrutschen.”
John Steinbeck
Beginnen wir diese Erzählung, wie alle guten Erzählungen, mit dem Vorabend, mit den scheinbar nebensächlichen Geschehnissen und Begebenheiten. Ein Prolog, der, wie bei der alten griechischen Saga, alles schon in sich trägt, was sich im folgenden Drama ereignen wird. Ein Vorwort, das nichts erklärt und nicht einordnet. Das Stimmen der Saiten im sich füllenden Saal, begleitet von dem leisen Rascheln der Gewänder, unterdrückten Räuspern und Hüsteln. Die Spannung, die sich langsam aufbaut, bevor mit einem Paukenschlag oder der ersten Geige das eigentliche Werk die Weltbühne betritt.
Ein lauer Abend in Kreuzberg. Nicht wirklich mild, nach diesem ewigen Winter, der einfach nicht weichen wollte, all dem Eis und dem hässlichen schwarzen Split, die die ganze Stadt bedeckten. Also sind die Erwartungen an einen lauen Frühlingsabend nicht allzu hoch. Die traditionelle Walpurgisnacht Demo ist soeben zu Ende gegangen, überraschenderweise hat der Partymob noch nicht seinen Weg nach 36 gefunden, nur die Überreste der Demo verteilen sich in kleinen Gruppen vor den Spätis in der Mariannenstraße. Angenehm unauffällig, kein lautes Rumgeprolle, keine dumpfen Beats, die die Anwohner um den Schlaf bringen. Die Geschichte darf in dieser entspannten Atmosphäre durch die Straßen wehen, sich auf dem kleinen achteckigen Platz niederlassen, der immer der Heini bleiben wird, auch wenn wir alle Rio lieben, immer lieben werden. Die alten Kämpen sitzen mit Bier und Kippe auf der Bank, Geschichten über die 192 machen die Runde, jene legendäre Besetzung am Vorabend des 1. Mai 1989, die sich schnell in Barrikadenbau und massiven Bewurf der anrückenden Bullen verwandelte. Erinnerungen werden wach, wie der Supermarkt in der Naunynstraße aufgestemmt und geplündert, mit dem erbeuteten Brennspiritus auf offener Straße Molotows abgefüllt wurden, die im Verlauf des späteren Abends zum Einsatz kamen. Das Ganze zog sich dann noch über Stunden hin, war aber angesichts der kommenden Ereignisse später nur eine Randnotiz in den Medien. Das Haus selbst sollte erst zwei Wochen später geräumt werden. Die aufkommende Kälte treibt die alten Kämpen irgendwann in den Hahn, wo bei kubanischen Rum weitere Geschichten die Runde machen und Prognosen über den morgigen Tag ausgetauscht werden. Allgemein herrscht ein pessimistischer Grundtenor vor angesichts der Erfahrungen der letzten Jahren, aber wie immer glimmt die leise Hoffnung, dass es doch anders kommen könnte…
„Die Oranienstraße der Ölsardinen – Berlin, der 1. Mai und darüber hinaus“ weiterlesen